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Der seit der Antike andauernde Diskurs uber das Verhaltnis von Seele und Leib findet im Mittelalter Ausdruck in Form einer Anrede der Seele an den Leib oder eines (Streit-) Gesprachs zwischen den beiden. Korper und Geist geraten in verschiedenen Situationen aneineinander: Es streiten sich spiritus und cam des Lebenden, beim Sterben nehmen sie voneinander Abschied, am Grabe schilt die Seele den verwesenden Korper, Seele und Leib treffen und sprechen sich wieder beim Jungsten Gericht. Erst dort, in der Wiedervereinigung von Leib und Seele wird der Dualismus zwischen Korper und Geist gelost.
Die schon in fruhchristlichen Legenden nachzuweisende Anrede der Seele an den Leib geniesst seit dem 10. Jahrhundert zunehmend grosse Popularitat in England, wo im 12. Jahrhundert die Wechselrede zwischen Seele und Leib entsteht. Diese wird in Form der lateinischen Visio Philiberti des 13. Jahrhunderts in Deutschland und ganz Mitteleuropa rezipiert und bald in etliche Volkssprachen ubertragen. Neben der insularen Entwicklung des Stoffs lasst sich eine weniger erfolgreiche, eigenstandig kontinentale `Seele und Leib'-Tradition belegen, die nut in sehr wenigen Erzeugnissen fassbar ist. (1)
Die folgende Untersuchung gilt einer recht ungew6hnlichen Variante dieser Tradition, dem Dialog zwischen Seele und Leib in deutschen Reimpaarversen, der in der Handschrift B.X.14 der Basler Universitatsbibliothek unikal uberliefert ist. (2) Den Besonderheiten dieses freundschaftlichen Gesprachs zwischen zwei sonst sich befehdenden Parteien soil nachgegangen werden, ebenso dem Umfeld, aus dem das zugrundeliegende Gedankengut stammt, und dem Publikum, an das sich der Dialog richtet. Eine neue zeitliche Einordnung des Gesprachs auf Grund der handschriftlichen Uberlieferung gibt Einblick in die fruhe volkssprachliche Produktion der Basler Dominikaner, aus deren Wirkungskreis der Dialog zwischen Seele und Leib stammt.
Gesprach zwischen Seek und Leib
Der Baskr Dialog zwischen Seek und Leib ist ein Gedicht in Reimpaaren. Er besteht aus einer etwas kurzeren Rede der Seele (vv. 3-52) und einer ausfuhrlichen Antwort des Leibes (vv. 54-120). Jeglicher Hinweis auf einen Verfasser fehlt. Der teilweise ausufernde Satzbau, die Wortstellung, die Tendenz zur Substanfivierung verraten die Lateinkenntnisse des Autors. Zitate aus Bibel und antiker Mythologie lassen ihn als gebildeten Kleriker erscheinen. (3)
Den Dialog leitet der Bericht der Trennung von Seele und Leib durch den Tod ein. Dieser Liebestod wird ausgelost durch die Gottesminne der Seele--`do si von minnen nider lag' (v. 2) liess schon einen mittelalterlichen Leser der Handschrift stutzen: `minnen' hat dieser ausgekratzt und am Rand dutch `suachheit' ersetzt. (4) Die Seele dankt dem Leib fur seine Seelenheil erwirkende Arbeit (die Seele ist mit dem korperlichen Wohl beschaftigt), beiden fallt der Abschied schwer: `Erschrekke niht der mere / und si dir nut swere / swie wit von einander scheiden, / wol uns gelinget beiden' (vv. 7-10).
Das Sterben ist fur den Gerechten nut ein erschreckender, penibler Ubergang, der uberwunden werden muss, um zum angenehmen Tod zu gelangen. Dieser beschert dem Korper Grabesruhe, wahrend er von der Seele als Brautgabe (`widemen', v. 13) empfangen wird, mit der sie gleich `in luterre gottes minne' (v. 15) fliegt, Gott erkennt und erlebt:
lieht uber alle sinne ist mii [!] du kentnisse tief, von der sante paulus rief `O divitiarum altitudo.' der bruchunge bin ich vro, wider der alles daz ist ein wiht, deme men wollust oder wunne giht. (vv. 16-22)
Trotz der unbeschreiblichen, doch nuchtern erlauterten Erfahrung der visio dei, die iht nach dem Tod zuteil wird, (5) empfindet die Seele Sehnsucht nach dem Leib. Gottesminne und Liebe zum Korper stehen gleichwertig nebeneinander, nun hebt die t6dliche Erfullung der Gottesliebe die minnereiche Einheit yon Seele und Leib bis zum Jungsten Gericht auf. In kunstvollen Versen preist die Seele ihre vergangene Gemeinsamkeit in Freundschaft und Treue mit dem Korper:
iedoch ich mich nach dir sene: wan du daz kar und ich du bine, In dem ich mahte razen. kume mak ich virlazen dich, so getruwe min giselle, ich studens und du du celle, Du daz hus und ich der gast, du lucerne und ich der glast. (vv. 15-32)
Die Seele bewegt die schutzende, doch an sich starre, leblose Hulle, den Leib. (6)
Nun beschreibt die Seele die Grabesruhe des Leibs. `Cum te consumptum putaveris' (v. 35), wird die Auferstehung in Aussicht gestellt, `des ist Jobes boch gewer' (v. 38). Fur ein deutschsprachiges Publikum wird das lateinische Einsprengsel ubersetzt und umgedeutet: 'wanne du wenest sin virswunden, / so wirstu enbunden /von des todes brodekeit' (w. 39-42). Der Korper wird verwesend aus dem Zustand des Todes zum ewigen Leben erlost, der Zerfall im Grabe bringt die letzte Befreiung von der leiblichen Schwache, die den ewigen Tod in sich birgt. Der neue Leib am Jungsten Tag ist hell, ohne Leid und korperliche Ausdehnung. Das Begrabenwerden wird zum notwendigen Durchgangsstadium, das zur Auferstehung fuhrt.
Jetzt antwortet der Leib `vrowe' (v. 55) Seele in hofischer Formlichkeit. Er sei ausreichend getrostet, alles Leibliche ist ja dem Tod verfallen: `ja ezzent wazzer alle staden: / allez daz ie liep gewan / mag deme tode niht engan' (vv. 59-61). (7)
Gutes Sterben wird vorgefuhrt, man weiss um den Tod und ist vorbereitet. Die Unabanderlichkeit des Todes wird verdeutlicht durch das antike Bild der beiden Molten Klotho (v. 62), `Spinnerin' des Lebensfadens, und Atropos (v. 64), die den Faden durchschneidet. Das Grab bietet dem `pilgerin' (v. 73) des Lebens Schutz vor Hunger, Durst und Ungewitter und vor dem ewigen Tod, der dem mittelalterlichen Menschen in den Anfechtungen der Welt auflauert oder mit dem plotzlichen, unversehenen Sterben droht. So besteht Hoffnung auf den Jungsten Tag, `caro mea requiescit in spe: / Daz sprichet David in gehugede' (vv. 76-7). Die Seele wird aufgefordert, zu ihrem Schopfer zuruckzukehren, um als Gottesfreundin grosse Wonne zu geniessen. Der Korper dankt iht fur ihre Muhe um sein Wohl:
ende hat din arbeit, mit de du bikumberet were alles umbe min givoure und umbe die noturft mine. (vv. 82-5) (8)
Seele, die `vrunden zarte' (v. 89), (9) und Leib finden `unze mich [den Leib] du busune wekke' (v. 87) aufgrund ihres eigenen Urteils zueinander--Gottes Richtspruch entfallt, findet weder zur Zeit des Individualgerichts noch jetzt statt, da `ein lieht daz machet offenbar / swas iegliches herze treit' (vv. 104-5). Gut die Halfte der Leibesrede beschaftigt sich mit den gemeinsam zu geniessenden himmlisch hofischen Freuden. Die Seele hat die Zwischenzeit in der `schole' (v. 91) (10) verbracht und muss nun dem tumben, illiteraten Leib einfuhrenden Anstandsunterricht erteilen. Die `Ewigkeitszeit' wird mit dem Gesang der Engel und der Seelen in Vogelgestalt, mit Tanz und immer mundender Speise zur `kurzewile' (v. 100).
Fast durchgehend im Prasens, durch kurze Ruckblenden unterbrochen, werden die Zeitspanne zwischen Tod und Juingstem Tag und das Himmelsgluck erst yon der Seele, dann vom Leib beschrieben. Erst der Schlusssatz, `da weis men minre noch me, / wa wek uz der gotte gie' (vv. 119-20) bringt den Horer oder Leser auf die Anfangssituation zuruck.
Die Betonung der Zusammengehorigkeit yon Leib und Seele, die Leibfreundlichkeit, ist innerhalb der `Seele und Leib'-Tradition aussergew6hnlich, vergleicht man sie mit der Korperfeindlichkeit der...
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