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Wir haben uns seit langem daran gewohnt, die Thematisierung des Gegensatzes zwischen gottlicher Gegenwart im Osten und transzendenter Leere im Westen als kennzeichnend fur Holderlins Werk uberhaupt aufzufassen. Die Gedichte "Brot und Wein" oder "Friedensfeier" mogen dafur beispielhaft angefuhrt werden. Auch in dem etwas weniger bekannten, unvollstandig uberlieferten Gesang "Am Quell der Donau", vermutlich 1801 entstanden, ist dieser Gegensatz zu erkennen.(1) Allerdings weist das Ende dieses Gedichts auf ein Scheitern hin, wodurch es sich von den anderen mit ahnlicher Thematik grundlegend unterscheidet: Wahrend z. B. in "Brot und Wein" oder in "Friedensfeier" der Dichter in Erwartung der Wiederkehr der Gotter verbleibt, lassen die Verse "Jetzt aber endiget, seeligweinend, / Wie eine Sage der Liebe, / Mir der Gesang" das ganze Gedicht in einem anderen Licht erscheinen.
Der Zufall will es, da[Beta] es ein kaum beachtetes Gedicht von Wordsworth gibt, das nicht nur genau den gleichen Titel wie der Gesang Holderlins tragt, sondern auch viele der charakteristischen Motive Holderlins enthalt. Es handelt sich dabei um das Sonett "The Source of the Danube" aus dem Jahre 1820.(2) Kann es sich bei den Ahnlichkeiten zwischen diesen Gedichten, die sogleich dargelegt werden sollen, uberhaupt um einen Zufall handeln? Kannte Wordsworth die Hymne Holderlins? Oder bricht die von Holderlin immer wieder herbeigesehnte gottliche Kraft gar bei Wordsworth durch? Ob wir diese Fragen beantworten konnen, wird sich zeigen, aber auf alle Falle werden wir versuchen, den Gesang Holderlins mit Hilfe des Gedichts von Wordsworth besser zu erfassen und vielleicht gleichzeitig auch etwas zum Verstandnis von letzterem beizutragen.
Bevor wir uns einem Vergleich der genannten Gedichte zuwenden, gestatte ich mir, in ganz groben Zugen und ohne auf samtliche Querver-bindungen innerhalb der Dichtung einzugehen, zuerst die Entwicklung von Holderlins Gesang kurz nachzuzeichnen: Vom Anfang des Gedichts existieren lediglich Entwurfe. Wenn man jedoch die vorhandenen Strophen ansieht, so kann man erkennen, da[Beta] der Gesang triadisch aufgebaut und aus drei Dreiergruppen im Sinne einer pindarischen Ode konzipiert ist. Strophe und Gegenstrophe von je 12 Versen werdenjeweils vervoll-standigt durch eine Nachstrophe von unterschiedlicher Lange: 15 Verse in der ersten Triade, 16 in der zweiten und 14 in der dritten. Die erste uberlieferte, aus 15 Versen bestehende Strophe ist somit die Nachstrophe der geplant gewesenen ersten Triade, deren zwei nicht fertiggestelhen Strophen (erste Strophe und Gegenstrophe) wohl auchje aus 12 Versen bestanden hattten. Von diesen nichtexistenten Strophen sind lediglich einige Entwurfe vorhanden, in denen im dritten Ansatz die Stimme Asiens als tausendjahrige gottliche Gegenwart feierlich angerufen wird: "Dich! Mutter Asia! gru[Beta] ich" (II, 691).
Trotz des Fehlens der ersten zwei Strophen ist der grundlegende Unterschied zu den anderen Flu[Beta]gedichten Holderlins evident: Anders als die anderen gro[Beta]en Strome Westeuropas flie[Beta]t die Donau nach Osten. Wahrend der Main (I, 303-4) und der Neckar (II, 17-18) sich nur nach Osten sehnen und der Rhein (II, 142-48), im Unterschied zu den weiteren in jener Hymne genannten Flussen "Tessin" und "Rhodanus", die dies schon gar nicht erst zu hoffen wagten, schon nach "Asia" "wandern wollt'", dabei aber von "den heiligen Alpen" "gehemmt" wurde und sich jetzt "im deutschen Lande / Begnuget", so gelingt es nur der Donau, die Alpen gleichsam zu umgehen und nach Osten vorzudringen. Schon allein dadurch nimmt "Am Quell der Donau" eine besondere Stelle unter den Flu[Beta]gedichten Holderlins ein.
In diesem Gesang folgt der Dichter in Gedanken dem Strom bis ins Schwarze Meer nach Asien und beschreibt in der Folge die Bewegung der gottlichen Stimme zuruck nach Westen. Wahrend der Westen das Wasser des Donaustroms nach Osten sendet, kommt von dort die Stimme Asiens, der "melodische Strom" des Orgelspiels, gleichsam durch den Ather zu uns zuruck. Dabei ist in fur Holderlin charakteristischer Weise fur den Westen der kalte Schatten kennzeichnend, wahrend im Osten ebenso charakteristisch die Sonne vorherrscht. Auf das Orgelspiel antwortet sodann bei uns im Westen der Chor der Gemeinde. Das Wort "Chor" erinnert naturlich an den antiken Chor, wahrend das Wort "Gemeinde" andeutet, da[Beta] im Westen sein griechischer Orgiasmus gezugelt wird.
Auf ihrem Weg von Osten nach Westen durchquert die Stimme Asiens Griechenland, und den Parna[Beta] und den Kitharon entlang gelangt sie uber Rom und die Alpen zu uns. Jedoch ist der Westen, auch wenn er auf manch anderem Gebiet "der Starke" ist, mit der unmittelbaren Aufnahme des Gottlichen uberfordert. Die Elemente Wasser ("Fluth"), Erde ("Fels") und Feuer ("Feuersgewalt") haben wir bezwungen, aberjenes "heilige Licht", das durch das vierte Element, durch die "spielenden Lufte" zu uns kommt, uberwaltigt uns, so wie ein junges Wild nach der Rastlosigkeit der Mittagshitze bereits vor Einbruch der Dunkelheit, die die geistige Kuhle der gottlichen Gaben bringen wurde, erschopft entschlaft. "Doch einige wachten", sie wurden nicht vom Schlaf ubermannt und bewahrten den griechischen Geist, wodurch es uns zuerst einmal moglich ist, an die "Frohlichen am Isthmos, / Und am Cephy[Beta] und am Taygetos" sowie an die "Thale des Kaukasos" und die "Patriarchen" und "Propheten" Asiens, die "Zuerst es verstanden, / Allein zu reden / Zu Gott", zu denken.
Daran zu denken, hei[Beta]t aber nicht, da[Beta] dieses Reden zu Gott auch uns gelingt, denn die "Alten" haben den Heutigen nicht hinterlassen, wie dieses "Nennen" vor sich geht. Anders als "Gottlichgeborne" sind wir "fast" wie Waisen, denn uns ist die Verbindung zu den gottlichen Eltern schon beinahe verloren gegangen; aber eben nur "fast", und so wie Junglinge auch noch eine Erinnerung an ihre Kindheit haben, so haben auch wir wenigstens noch eine schwache Verbindung, eine "Treue", zu jenen, die keine Waisen sind, namlich die "Sohne des Himmels". Dadurch konnen wir durch die Vermittlung des Dichters mit den "Waffen des Worts", die uns zuruckgelassen wurden, versuchen, diese Verbindung wieder herzustellen. In der letzten Strophe "umschwebt" dann "die heilige Wolk" den Dichter, dessen "Othem" gleichsam wie der Pneuma Theou der Schopfung den Vergleich des gottlichen Wortes mit dem Element der Luft wieder aufnimmt. Allerdings mu[Beta] der Dichter sich zur Wehr setzen, damit er solcherart nicht in das unmittelbare Undifferenzierte aufgenommen wird, denn "wenn ihr aber einen zu sehr liebt, / Er ruht nicht, bis er euer einer geworden". Dann kann es keine mittelbare Dichtkunst mehr geben, und deshalb bittet der Dichter, "ihr Gutigen! umgebet mich leicht, / Damit ich bleiben moge, denn noch ist manches zu singen". Damit ist aber auch gesagt, da[Beta] dieses Singen dem Dichter noch nicht endgultig gelungen ist, und das Gedicht endet in einem resignierenden Ton.